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Im Europapokal zuerst auswärts wirklich ein Vorteil? – Eine Analyse

Diese Frage wird wohl diskutiert, seit es die europäischen Wettbewerbe gibt. Nicht umsonst gab Gabriel Hanot, der geistige Vater des Europapokals, stets zu bedenken, man müsse die Rückspiele abwarten. Doch ist es tatsächlich vorteilhaft zuerst auswärts anzutreten?

Um dieser Frage nachzugehen, wurden sämtliche 13433 Spiele der ersten fünfzig Jahre in den europäischen Disziplinen analysiert. UI-Cup-Begegnungen respektive Gruppenspiele flossen nicht in die Auswertung. Auch diejenigen Spiele, bei denen – aus welchen Gründen auch immer – kein Rückspiel stattfand, blieben unberücksichtigt. Ebenso Partien, die von der UEFA gewertet wurden, denn die Entscheidung über Weiterkommen oder Ausscheiden wurde nicht rein sportlich gefällt. Dasselbe gilt für Begegnungen, die per Münzwurf entschieden wurden.

Enthalten sind jedoch Duelle, die annulliert und erneut ausgetragen wurden (beispielsweise die berühmte Büchsenwurfpartie zwischen Borussia Mönchengladbach und Inter Mailand), beziehungsweise Qualifikationsspiele, deren Teilnehmer ja sportlich berechtigt waren. Gleiches ist für die Finalpartien des UEFA-Cups gültig (bis 1996/97). Insgesamt flossen so 5878 Hin- und ebenso viele Rückspiele in die Analyse ein.

Heim- und Gastvorteile

Doch stellt sich zunächst die generelle Frage, worin die Vorteile liegen, zuerst auswärts anzutreten. Man hat das schwerere Spiel – in der Höhle des Löwen – zuerst. Man kann sich hinten reinstellen und taktisch spielen (auf Remis oder knappe Niederlage, um im Rückspiel vor eignem Publikum alles klar zu machen). Man kann auf Konter lauern, um so ein Auswärtstor zu erzielen oder den Gegner überraschen, indem man selbst das Spiel macht.

Auch für die Heimmannschaft liegen die Vorteile klar auf der Hand. Sie spielt auf dem Platz, auf dem sie normalerweise immer spielt. Sie hat das Publikum im Rücken. Sie hat keine Reisestrapazen, keinen Jetlag und keine ungewohnte Umgebung (wer fühlt sich schon in Madrid, Mailand, Manchester, Monaco und Moskau gleichermaßen zu Hause?). Sie muss sich auch nicht auf ein ungewohntes Klima einstellen. Und sie kann in der Regel das Spiel machen, das heißt, sie agiert und muss nicht reagieren. Daraus folgt, dass sie vorlegen kann.

Das Ergebnis

Von 5878 Hinspielen ist in 3215 Fällen (55%) die Gastmannschaft weitergekommen. Doch was sagt diese Zahl aus? Sie sagt zum Beispiel nichts darüber aus, wie oft sich Spitzenclubs gegen Exoten mit so klangvollen Namen wie Turan Tauz, Kairat Almaty, Kjapaz Ganja, Vorskla Poltava oder Zwartnots-Aal durchgesetzt haben.

Die folgende Tabelle 1 zeigt die Tordifferenz der Heimmannschaft und die jeweilige Prozentzahl an, die zum Weiterkommen reichte. Dahinter steht, wie oft eine Mannschaft weiterkam oder ausschied. Die Summen aller Siege und Niederlagen sind unter pos und neg zusammengefasst.

Europapokal Differenz Analyse

Je besser das Hinspielergebnis für die Heimmannschaft, umso wahrscheinlicher das Weiterkommen, wobei auch hier keine Aussage über Gastspiele von Favoriten bei Außenseitern gemacht werden kann. Es fällt jedoch auf, dass die Heimmannschaft, wenn sie gewann, zu 73% weiterkam. Die Gastmannschaft kam zwar zu 96% im Siegfall weiter, aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass sie nur 1456 Spiele gewann, während das Heimteam 3179 Mal siegreich war.

Ein Heimsieg ist also mehr als doppelt so wahrscheinlich wie ein Gastsieg. Und eine Heimniederlage ist wesentlich schwerer wieder aufzuholen als eine Gastniederlage. Wie auch in den Landesligen ist es das Privileg der starken Clubs öfter auswärts zu gewinnen als die schwachen Vereine. Und doch ist es die Ausnahme, dass eine Mannschaft auswärts erfolgreicher ist als zu Hause.

Tabelle 2 soll das untermauern. Sie gibt an, wie oft die Top 10 Europas im Hinspiel daheim beziehungsweise auswärts spielten und in wie viel Prozent sie dabei jeweils weiterkamen.

Europapokal Rangliste

Nur drei Vereine waren auswärts erfolgreicher als zu Hause, wobei die Bayern – wenn man so will – das Pech hatten, dass sie in acht von sechzehn Fällen gegen den späteren Titelträger zuerst daheim spielten – so oft, wie kein anderes Team der Top 10 in Europa. Deswegen kann man sie nicht als heimschwach oder auswärtsstark bezeichnen. Es ist schließlich keine Schande, sondern eine Notwendigkeit, gegen den Titelträger auszuscheiden. Dafür sind sie eine von zwei Mannschaften, die öfter zuerst zu Hause als auswärts gespielt haben. Die andere ist Inter Mailand.

Ajax Amsterdam ist 1987, 1992 und 1995 – als es jeweils den Titel gewann – nur zwei Mal zuerst daheim angetreten, aber zehn Mal als Gast. Und wenn es das Hinspiel zu Hause bestritt und ausschied, so geschah dies in elf von achtzehn Fällen vor dem Viertelfinale und nur einmal gegen den späteren Titelträger. Das zeigt nicht unbedingt eine Heimschwäche, sondern eher eine Schwäche allgemein, denn Gegner wie CSKA oder Levski Sofia und Bohemians Prag sind nicht gerade Hochkaräter.

Real Madrid konnte insgesamt 22 von 32 Hinspielniederlagen im Bernabeu-Stadion noch umbiegen – mehr als alle anderen, unter anderem gegen Inter Mailand (3:0 nach 0:2 beziehungsweise 5:1 n. Verl. nach 1:3), Derby County (5:1 n. Verl. nach 1:4), RSC Anderlecht (6:1 nach 0:3) und Borussia Mönchengladbach (4:0 nach 1:5). Dadurch gewannen sie auch 1985 und 1986 jeweils den UEFA-Cup. Die Königlichen boten den Zuschauern vor allem in dieser Zeit mit dem Publikumsliebling Hugo Sanchez gerne ein Spektakel, was natürlich größer ist, wenn man dabei einen Rückstand im eigenen Stadion aufholen muss. Heute spielt der Mexikaner nicht mehr – das Spektakel ist geblieben. Daher dürfte Real guten Gewissens als Auswärtsmannschaft angesehen werden.

Selbstverständlich gibt es noch mehr Mannschaften, die auswärts öfter den Grundstein für den Einzug in die nächste Runde legten. Das klassische Beispiel hierfür ist Borussia Mönchengladbach. In den siebziger Jahren wirbelten sie ganz Europa durcheinander mit ihrem Konterfussball. Zu 90% kamen sie weiter, wenn sie zuerst als Gast spielten. So oft hat das kein anderes Team vermocht.

Noch heute halten sie dadurch einen ungewöhnlichen Rekord: Zwischen 1973 und 1980 erreichten sie als einzige Mannschaft acht Mal in Folge wenigstens ein europäisches Viertelfinale. Und hätte Schiedsrichter van der Kroft 1975/76 im Viertelfinale in Madrid eines der beiden regulären Tore der Fohlen anerkannt, hätten sie sogar acht Mal hintereinander mindestens im Halbfinale gestanden und nebenbei als erste deutsche Mannschaft die Königlichen im eigenen Stadion geschlagen. So schieden sie ohne Niederlage aus.

Warum dennoch 55% der Hinspielgäste in die nächste Runde einziehen, wird aus Tabelle 3 ersichtlich. Sie ist sortiert nach der Menge der Hinspiele und zeigt die Anzahl der Teams und wie oft diese daheim weiterkamen beziehungsweise ausschieden.

Europapokal Spiele

Der “Break-Even-Punkt” liegt bei 40 Hinspielen. Wer weniger absolviert hat, der kommt nur zu etwa 35% im Hinspiel daheim weiter. Mit Zunahme der Teilnahmen steigt logischerweise auch die Zunahme der absolvierten Spiele. Also steigt die Erfahrung der Mannschaft und sie versteht es immer besser, den Heimvorteil im Hinspiel so zu nutzen, dass der Einzug in die nächste Runde geschafft werden kann.

Unter den 80 Vereinen, die mehr als 40 Hinspiele daheim austrugen, sind 41 der 59 Titelträger. Sie holten insgesamt 116 der 136 vergebenen Pokale. Von den 18 Gewinnern, die weniger als 40 Hinspiele bestritten, kommen alleine acht aus England, einer sehr starken Nation, die auch Mannschaften in die Wettbewerbe schickt, die vielleicht nur über ein oder zwei Jahre Spitzenleistungen bringen.

Bestes Beispiel ist Nottingham Forest, denn sie schafften 1978 als Neuling auf Anhieb ihre einzige Meisterschaft, schlugen ein Jahr später den Titelträger Liverpool FC, gewannen so die Champions League und haben diese Trophäe anschließend auch noch verteidigt, wobei sie in der Meisterschaft nur auf Platz fünf landeten. Im Jahr darauf schieden sie in der ersten Runde gegen CSKA Sofia aus. Von den anderen 17 Titelträgern holte nur Chelsea London zwei Trophäen, alle übrigen gewannen einmal.

Das Heim- Gastverhältnis von 45 zu 55 kommt also im Wesentlichen durch die Vielzahl der Clubs zustande, die eben nicht regelmäßig teilnehmen und auch nicht besonders weit kommen. Beispielsweise erreichen von den 750 Mannschaften mit 40 und weniger Hinspielen nur 18% ein Viertelfinale. Und wer international vertreten ist, steigt mitunter zeitgleich aus der Liga ab. Jüngere Beispiele sind VfL Bochum (GER, zwei Teilnahmen, 2005 abgestiegen), FC Kärnten (AUT, 3, 2004), Deportivo Alaves (ESP, 2, 2003, zwei Jahre zuvor noch im Finale gegen Liverpool), SC Freiburg (GER, 2, 2002), Buducnost Banovici (BOS, 1, 2001), Vitoria Setubal (POR, 12, 2000), Blackburn Rovers (ENG, 5, 1999), Karlsruher SC (GER, 3, 1998).

Fazit

Je weiter ein Verein im laufenden Wettbewerb kommt und je erfahrener er ist, umso besser ist es für ihn, im Hinspiel zuerst einen Heimvorteil zu haben. Gleichzeitig wird es von Runde zu Runde immer schwieriger, diesen Vorteil auch zu nutzen, denn die Gegner werden natürlich besser. Schließlich ist ein 2:0-Heimsieg im Hinspiel der ersten Runde gegen Omonia Nikosia (29 Teilnahmen, 40 Hinspiele) oder Jeunesse Esch (30 Teilnahmen, 30 Hinspiele) leichter zu erzielen als das gleiche Resultat im Halbfinale gegen einen Spitzenclub. Und der Spitzenclub wird seinen Heimvorteil im Rückspiel vor 70.000 oder mehr Zuschauern eher für sich nutzen können, um ein 0:2 aufzuholen, als die beiden genannten Vereine vor vielleicht 10.000 Zuschauern.

Daher wird sich die Mehrheit wünschen, dass sie zuerst auswärts antreten darf, denn der Heimvorteil im Rückspiel bietet – nicht nur für Real Madrid – das größere Spektakel. Schließlich hat man ein Hinspielergebnis, dass es entweder zu verteidigen oder aufzuholen gilt. Und gerade das macht den sportlichen Reiz ja auch aus. Und darin sind die erfolgreichen Vereine logischerweise viel geübter und erfahrener als die Mehrheit der kleinen Clubs, die sich nur selten qualifizieren können.

Autor Chris Schneider
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